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    «panoramic extensions»
    Ortsspezifische Vorhangbilder
    Gemeindehaus Reinach | Hauptstrasse 10 | 4153 Reinach
    30. Oktober bis 19. November 2011

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    In verschiedenen Räumen hat Marcel Scheible dort vor geschlossenen Wänden Vorhänge angebracht, die mit fotografischen Motiven bedruckt sind, welche den panoramaartigen Ausblick der unmittelbar daneben befindlichen, grossflächigen Fensterfront illusionistisch weiterführen. Ähnlich wie in «same place – different time» wird die Wand hier optisch gesprengt, so dass sich auch hier Bild- und Realraum durchdringen. Der Vorhang, der normalerweise dazu dient, eine Öffnung zur verschliessen, verwandelt sich dabei paradoxerweise zum offenen Fenster. 

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    Vor allem aber setzen Scheibles Bildvorhänge einen antiken Gründungsmythos der illusionistischen Malerei fort, den wir bei Plinius finden. Dieser schildert in seiner «Naturalis Historiae», wie der Maler Zeuxis im Wettstreit mit Parrhasius so naturgetreue Trauben malte, dass Vögel herbei flogen, um an ihnen zu picken. Daraufhin stellte Parrhasius seinem Rivalen ein Gemälde vor, auf dem ein Vorhang zu sehen war. Als Zeuxis ungeduldig bat, diesen doch endlich beiseite zu schieben, um das sich vermeintlich dahinter befindliche Bild zu betrachten, hatte Parrhasius den Sieg sicher, da er es geschafft hatte, Zeuxis zu täuschen. Der Vorhang war nämlich ebenfalls gemalt. Die «panoramic extensions» nehmen Plinius’ Motiv des Vorhangs als Träger einer Augentäuschung wieder auf, doch drehen sie die Grundidee gleichzeitig um: die Illusion geht hier nicht mehr vom Vorhang, sondern vom jenem Bild aus, das sich auf dem Vorhang befindet, während der Vorhang an sich real bleibt; dieser kann tatsächlich beiseite geschoben werden, aber nur um dahinter die leere Wandfläche zu enthüllen.
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    Ausschnitt aus der Eröffnungsrede von Raphaël Bouvier